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TAMAGOTCHI - Von der Vitalität zur VirtualitätNun gibt es sie auch in Deutschland: Zum Schlüsselanhänger geschrumpft, auf wenige Funktionen reduziert, wird Kindern (und Erwachsenen) ein Objekt für ihre Liebe und Fürsorge offeriert. Allerdings haben sie selbst bei guter Pflege nur vier Wochen Freude an diesem 'liebenswerten Ei' (Tamagotchi), denn dann stirbt das Strich-Küken auf dem Mini-Bildschirm und kann im Intemet virtuell beerdigt werden. Bei der deutschen Version gibt es eine Reset-Taste, so dass der Abschiedsschmerz durch die Geburt eines neuen Küken aus dem Ei schnell überwunden werden kann. Manche Eltern oder Hausbesitzer werden froh sein, dass sich der Wunsch nach einem Haustier so einfach und schmutzlos erfüllen lässt, und im Prinzip ist gegen Virtualität, Phantasie und Ersatz nichts zu sagen, schliesslich sind sie dominante Bestandteile unserer Kultur geworden. Und dennoch haben Pädagogen und Psychologen grosse Bedenken: so wenig, wie ein Kind, das auf dem Bildschirm zum virtuellen Super-Tennisstar oder Fussballclub-Manager geworden ist, daraus irgendwelche Kompetenzen für die Realität ableiten kann, so wenig lassen sich aus dem fürsorglichen Umgang mit dem Tamagotchi soziales Verhalten lernen. Im Gegenteil: Die Reduktion des Pseudolebewesens auf wenige Funktionen ist ein Wunschbild pflegeleichter Beziehungen schlechthin. Das Sich-Mühen um den andern, der in seiner Individualität gesehen werden möchte und mit dem Kompromisse ausgehandelt und ein gemeinsames Leben arrangiertwerden müssen, diese Komplexität wird nicht simuliert, sondern karikiert und reduziert: Der Ersatzgefährte wird zur Knopfdruckmaschine, die sich - mit wenigen Ausnahmen - den eigenen Wünschen gemäss zu bewegen hat. Eine zur Schau gestellte Hysterie ("huch, mein Küken meldet sich schon wieder", "ich muss mal schauen, was mein Gotchi macht") ist kein brauchbarer Schritt in Richtung Sozialverhalten, auch wenn dadurch ein Mittel zum Kontakt mit anderen Kindern gegeben ist. Ûbrigens gibt es bereits Kinder, die üben sich am Tamagotchi im Töten, denn die Verweigerung von Zuneigung und Nahrung (entsprechende Knopfdrücke) führen zum raschen Bildschirmtod. Die Firma Bandai, die für das Küken 30,- DM haben wiII (bei einem geschätzten Materialwert von 5,- DM) rechnet mit einem Umsatz von 10 Mio. Stück alleine in diesem Jahr weltweit, und 1 Mio. Stück in Deutschland. 60 Varianten sind von Bandai geplant, andere Firmen ziehen nach mit neuen Kreationen (z.B. virtuelle Dinosaurier von Tuning Electronic Vertriebs-GmbH in Hamburg oder verschiedene vom Besitzer zu wählende Tierformen von Tigertoys GmbH in Nürnberg). Aus Untersuchungen ist bekannt, dass Kinder mit Haustieren ausgeglichener und weniger depressiv sind. Auch in der Schule sind sie folglich besser. Ob die Virtualität die gleichen guten Folgewirkungen hat, ist höchst fraglich (allerdings noch nicht untersucht): Haustiere sind keine Spielsachen, sondern ein lebendiges Gegenüber, in das sich Kinder einfühlen müssen, sie müssen sein Eigenleben akzeptieren und sich auf die komplexe Verhaltensstruktur der Tiere einstellen, Verantwortung übernehmen und sich von Eltern, Geschwistern, Freunden, Tiermedizinern beraten lassen. Die geschrumpfte Ersatzversion kann nicht auf den Arm genommen und gestreichelt werden, und die abverlangte Fürsorge und Zuwendung ist so stark reduziert, so kümmerlich und so weit weg von der komplexen Realität, dass Beziehungen noch mehr als bereits üblich in die Denk- und Handlungsmuster der kurzlebigen Konsum- und Wegwerfgesellschaft eingepasst und 'versachlicht' werden. Nichts von einem echten Gegenüber, in das man sich hineinversetzen, das man verstehen muss, sondern Knopfdruck- Reaktion auf Signal. Das passt zugegebenermassen gut in die gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklung, aber positiv kann diese Tendenz und ihre Verstärkung beileibe nicht gesehen werden. Auch ist verständlich, dass - wie dereinst vom Homunculus - von diesem künstlichen Lebewesen eine Faszination ausgeht, Grössenphantasien der Herstellung und Steuerung von 'Lebewesen' entstehen, und es ist auch verständlich, dass in unserer spannungsarmen Welt Kleinigkeiten zur Sensation aufgebauscht und zum Kultgegenstand werden, aber dieser Trend von der Vitalität zur Virtualität ist ein Schritt weg von der Natur und vom Sich-Wohlfühlen des Menschen, das nur in der Natürlichkeit komplexer Beziehungen und nicht in deren Ersatz gefunden werden kann, die ihn letztlich der Begegnung mit anderen entzieht und ihn bei sich selbst, in seiner Egozentrizität, belässt. Im eigenen Saft zu schmoren ist nur kurze Zeit schön, dann aber brauchen wir den (realen) anderen, um von uns selbst erlöst zu werden. |
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